Gedichte: Der Herbst | Осень | Wolgainspirationen | Mein Stern! | Ach, wenn ich fliegen könnte... | Heimweh | Heimatgruß | Если б я летать умела | Jetzt lebe ich am Niederrhein | Жизнь моя, не мне тебя судить | Ich liebe das Leben! | Ich öffne die Augen am Rande der Nacht | Позднее признание | Вихрем промчались беспечные годы
Erzählung  Es ist ein Glück, verstanden zu werden  von Julia Weber


Der Herbst

Von Natascha Vervekin, übersetzt aus dem Russischen von Julia Weber

In den letzten Herbsttagen
wirbeln die bunten Herbstblätter.
Die schmücken Kleider und Schalen
zieren diesen staatlichen Herbstgang.
Dieser bunter Herbstball
macht jedoch traurig.

Da weinen die herbstlichen Weiten
und vergießen umsonst ihre Tränen.
Die Felder werden im Nu leer,
die Vögel fliegen weg.
Das bunte Glück schläft ein
im Erwarten der kalten Tage.

Осень  (Herbst s.o.)

Von Natascha Vervekin

Осень прощальная уж в самом разгаре,
Листья водят цветной хоровод.
И нарядные платья и шали
Украшают торжественный ход.
Только грустно на празднике этом,
Пёстрый бал навевает тоску.

И заплачут осенние дали,
Безысходно роняя слезу.
Опустеют поля в одночасье,
Птицы прочь из уснувших лесов.
Засыпает пестрящее счастье
В ожиданьи морозных деньков.


Wolgainspirationen

Строки, навеянные песней

 

Издалека долго течёт река Волга,

Течёт река Волга, конца и края нет.

Среди хлебов спелых, cреди снегов белых

Течёт моя Волга...

(Сихи Л. Ошанина)

 Напев простой тревожил раны сердца,

И в памяти вставал оставленный причал.

Народ, изгнанный с волжских берегов навеки,

Лишь в снах ладони в волны опускал.

Cказала мать: -Там родилась и я.

Всё было: детство, юность и семья.

Мы так мечтали к Волге вновь прийти,

Но не сбылись те светлые мечты.

Осталась мать в прожжённой солнцем степи,

В чужой земле она погребена.

А мы вернулись к Рейну, в страну предков,

Найти под солнцем место навсегда.

Трудяга Рейн несёт на волнах судьбы

Своих заблудшихся, вернувшихся детей.

А Волга смыла след в песке последний

Не ставших нужными за 200 лет людей.

 

Издалека долго течёт река Волга,

Течёт река Волга, конца и края нет.

Среди хлебов спелых, cреди снегов белых

Течёт моя Волга...

Течёт по бывшей Родине, где нас давно уж нет..

Wolgainspirationen

von Maria Wegner, übersetzt ins Deutsche von Julia Weber

Aus der Weite langsam
Fließt mein Fluss Wolga
Durch den reifen Weizen,
Durch den weißen Schnee ...
(Liedtext von L. Oschanin)

 Die einfache Melodie berührte mein verletztes Herz,
Und im Gedächtnis blieb der verlassene Hafen.
Das Volk, dass man für ewig von der Wolga verjagte,
kann nur in Träumen die Hände in Wolgawasser tauchen.

Die Mutter sagte: "Dort bin auch ich geboren.
Die Kindheit, Jugend, Familie...
Wir wünschten zur Wolga zurückzukommen,
aber diese Träume wurden nicht erfüllt".

Die Mutter blieb in von der Sonne verbrannter Steppe:
in fremder Erde liegt sie begraben.
Und wir kamen zum Rhein, ins Land der Ahnen,
um einen Platz unter der Sonne für immer zu finden.

 Der Arbeiter- Rhein trägt auf seinen Wellen
Schicksale seiner zurückgekehrten Kinder,
Und die Wellen der Wolga wuschen die letzte Spur
der Menschen weg, die nach diesen 200 Jahren keiner mehr braucht.
 

Die Wolga fließt in der ehemaligen Heimat,
wo es uns schon lange nicht mehr gibt ...

 


Rosa Kremer

1945 in Kasachstan geboren
1992 nach Deutschland umgesiedelt

Mein Stern!

Von Rosa Kremer

Leuchte, leuchte mir mein Stern!
Mein Stern, der längst Vergangenheit.
Noch heute träum‘ ich von dir gern,
Zum Greifen nah, obwohl sehr weit.

Was einmal war, das kommt nie wieder.
Im Leben geht nicht alles glatt.
In’ ne fremde Welt ließ ich mich nieder,
Umweht wie vom Winde ein Blatt.

Ohne Träume, nur Angst und Sorgen,
Mit Fragen, die noch offen.
Ein Neuling wartet auf ein Morgen,
Der auf Sicherheit lässt hoffen.
Den Kindern stellt man keine Fragen,
Sie nahm man einfach mit:
Die Eltern hatten noch das Sagen.
Ist er sinnvoll - der gewagte Schritt?

Aufs schnellste bitte integrieren,
Anpassen ist auch gefragt.
Sich in der Menge nicht verlieren,
Mal erfreut und mal verzagt.

Leuchte, leuchte mir mein Stern,
Du spendest Wärme, du spendest Licht.
Leuchte nah, nicht aus der Fern,
Dass der Morgen nicht zerbricht.


Ach, wenn ich fliegen könnte...

Von Rosa Kremer
Если б я летать умела

"An einem warmen sonnigen Herbsttag im August 1992 nahm ich Abschied von meinem Dorf in Kasachstan, von den Menschen, mit denen ich Lustiges oder auch Trauriges erlebte. Meine Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen waren da, um mir "Auf Wiedersehen" zu sagen. Ich siedelte nach Deutschland über."


Heimweh

Von Rosa Kremer

Ich habe alles, was man braucht zum Leben,
Doch die Sehnsucht kommt und quält.
Hab´ auch Liebe abzugeben,
Aber ich weiß nicht was mir eigent fehlt.

Vielleicht fehlt mir meine warme Sonne.
Ich vermisse dich, mein Steppenwind,
Und das Leben fängt nicht an von vorne,
Wo ich glücklich war als kleines Kind.

Dich, mein Dorf mit deinen stillen Gassen,
Dich, mein Haus mit Pappeln vor dem Tor,
Hab´ euch nicht verraten, nur verlassen.
Nichts ist so geblieben wie zuvor.

Häufig nachts, statt Schäflein zählen,
Kehre ich, mein Haus, zu Dir zurück,
Höre meine Mutter noch erzählen
Und genieße dieses stille Glück.

Sei gegrüßt auch Du, mein Garten,
Oft zog es mich zu Dir hin.
Keiner wird auf mich hier warten,
Weil ich jetzt ´ne Fremde bin.

Bin auf dem Friedhof auch gewesen,
Ruhig schweigend stand ich da.
Ist es oder war‘ s gewesen
Weit entfernt und so unendlich nah.

Und so mancher kann mich nicht verstehen,
Sagt mir: "Mensch, ach lass es sein".
Doch das alles möcht’ ich noch mal sehen,
Wie bei Sonne - und so auch bei Mondesschein.


Heimatgruß

Von Rosa Kremer

"An einem späten Abend, machte ich einen Spaziergang. Die Luft war feucht. Dichter Nebel umhüllte die Stadt. Weit entfernt hörte ich kreischende Gänse. Die Gänse näherten sich. Sie könnten aus meiner Heimat sein. Ich hatte das Gefühl, daß die Gänse so nah sind, daß ich sie berühren könnte. Auf einmal hörte ich nur eine Gans, deren Ruf verloren und ängstlich klang.

Findet sie Anschluss? Überwältigt von einem tiefen Gefühl, ließ ich mich auf eine nasse Bank nieder. Meine Hände hielt ich vor geschlossenen Augen. Die Gedanken nahmen freien Lauf. Es ist Herbst, ich bin zu Hause. Ich stehe auf meinem Hof und begleite die Wildgänse mit einem langen Abschiedsblick, bis zum Horizont. Wohin fliegen sie? Was erwartet sie auf dem Weg?"

Aus der Heimat wilde Gänse
Fliegen kreischend durch die Nacht,
Denn sie kennen keine Grenzen:
Wieder da, sie haben´ s geschafft.

Sie sind hier zum Überwintern,
Kräfte tanken und danach -
Schnee und Kälte sind dahinten,
Es kommt wieder jener Tag!

Hier zum Grasen nicht zum Lieben ,
Keine baut sich hier ein Nest
Und im Frühling als ob getrieben,
Wie gewohnt ein Abschiedsfest.

Sie fliegen heimwärts, ich will bleiben.
Mein Heimweg führt ins Nirgendwo.
Die Sehnsucht lässt sich nicht vertreiben,
Sie ist unbeschreiblich sowieso.

Könnte ich mit ihnen ziehen
Leise, leise durch die Nacht,
Um dem Alltag zu entfliehen?
Dazu hab´ ich nicht die Kraft.

Sie verlassen hier die Felder,
Rufend geht es hoch hinaus
Zum begrüßen ihrer Wälder,
Weil am schönsten ist´ s zu Haus!


Если б я летать умела

Von Rosa Kremer

Если б я летать умела,
Поднялась бы выше гор.
Немного б я совсем хотела:
Лишь бросить с высоты свой взор

На те места, где мы родились,
Детство, юность где прошли,
Как жаль, что там не пригодились.
Не враз толпою, но ушли.

Ушли, оставив за собою
Давно минувших дней покой.
Живу с раздвоенной душою
Жизнь, выбранную мной.

Куда ведет меня дорога?
Быть может, снова в никуда.
Как снежный ком, растет тревога
Тревожат, может быть, года ?

Поля пшеничные мне снятся,
Деревья голые зимой.
Самой себе должна признаться:
Я всё ещё хочу домой.

Как та перелётная птица,
Крыло, что сломала в пути,
С натугой, но буду стремиться
Баланс в полёте найти.

Закаты, зорьки и ненастья,
И вас мне хочется воспеть.
Друзья мои, ведь это счастье
Там, где родился, умереть


Jetzt lebe ich am Niederrhein

Von Rosa Kremer

"Das erste Mal war ich für eine längere Zeit aus Kleve verreist. Auf der Heimfahrt schaute ich aus dem Zugfenster und freute mich auf mein Zuhause. Bald merkte ich, dass die Natur mir vertraut war.Es war der Niederrhein."

Oh, Schwanenstadt am Niederrhein,
Nichts hat mich mit Dir verbunden.
Inzwischen mag es anders sein.
Hab´ ich ein Zuhause hier gefunden?

Fremd war nicht nur die Stadt allein,
Umgebung, Sprache und die Leute,
Sogar der stolze Vater - Rhein,
Er konnte mir noch nichts bedeuten!

Treibende Wolken, niedriger Himmel,
Grasende Kühe im Regen.
Weit auf der Weide ein einsamer Schimmel.
Sonne?! Er hat nichts dagegen.

Vergessen ist das Grau im Grau:
Man hört die Bienen summen,
Bezaubernd glänzt der Morgentau
In der Sonne auf Blätter und Blumen.

Nach dem Regen – Sonnenschein!
Wie gut ist es zu wissen!
Oh, Schwanenstadt am Niederrhein,
Möcht´ ich dich nicht mehr missen?!.


Жизнь моя, не мне тебе судить

Von Rosa Kremer

Жизнь моя, не мне тебе судить,
Нас уж время рассудило.
К чему былое ворошить?
Со мной ли вовсе это было?

Когда мне тяжко, тебя я вспоминаю,
Тебе мне душу хочется излить,
Свои утраты я прекрасно знаю.
А в утратах - ну кого винить?

Иногда сам случай пишет нам законы,
Да откуда ему знать,
Что доносящиеся звоны
Нам не вернуть и не догнать...

Знать бы, в чём я провинилась,
На что смотрела свысока.
О чём мечтала, чем гордилась
Враз обрывала судьбы рука

Клубочком хочется свернуться,
У мамы на коленях полежать:
На миг бы в детство вновь вернуться,
Беспечно в куклы поиграть.

Тоску мою я вылью взором,
Печаль пусть ветер унесет.
Мне соловьи поют напрасно хором:
Скорбь моя всегда со мной бредёт.

Со скорбью я уединяюсь,
Со скорбью я пускаюсь в путь.
Грешна, молюсь и каюсь,
Забыть бы всё да и уснуть


Ich liebe das Leben!

Von Rosa Kremer

Ich liebe das Leben, das ist doch wohl klar:
Für einmal gegeben und deshalb so rar.
Ich liebe das Leben, und das hat ein Sinn.
Es geht nichts daneben: ich steh mitten drin.

Ich liebe das Leben, und was es Bescheid:
Meine Hand euch zu geben bin ich öfters bereit.
Ich liebe das Leben mit Schatten und Licht,
Manches geht schon daneben, bei wem geht es nicht?

Ich liebe das Leben und bin schon belohnt:
Hab‘ nicht vor aufzugeben, weil LEBEN sich lohnt!


Ich öffne die Augen am Rande der Nacht

Von Rosa Kremer

Ich öffne die Augen am Rande der Nacht,
Sekundenlang sich nicht bewegen,
Gefangensein.. welch eine Macht.
Ein Mittel gibt’s bestimmt dagegen

Rasch aus den Federn, bloß nichts versäumen.
Ich möchte nur eins: ich muss jetzt raus,
Auf zwei Rädern lässt s sich gut träumen.
Die Einsamkeit? Die bleibt zu Haus

Die Sonne strahlt, die Vöglein singen,
Die Ruhe selbst liegt in der Luft.
Die Freude, die aus mir entspringe,
Verdoppelt sich bei Morgenduft

Aus der Ferne läuten die Glocken,
Sie laden ein zum neuen Tag
Mit blauem Himmel, mit Wolkenflocken.
Ich trete ein, was er mir bringen mag?

Musik klingt leise auf dem Sender.
Mein Blick gleit über Stein und Feld,
Ein Lächeln schenkte mir ein Fremder,
Einfach so, weil s ihm gefällt

Geheimnisvoll ist die Natur:
Drei Birken stehen eng umschlungen.
Tanzen sie? Sie träumen nur?
Wenn Tanz, dann ist er ja gelungen

Die Lichtung wird allmählich kleiner,
Trau Dich übern Weg, wenn es auch staubt.
Das Glücksgefühl, das nimmt mir keiner.
Wie oft hab ich mich selbst beraubt.

Er streichelte wie sanfte Hände,
Der letzte Strahl, der durch die Bäume fällt.
Der Sommertag, der ist zu Ende,
Ein neuer ist schon längst bestellt.


Позднее признание

Von Rosa Kremer

Посвящаю Н.

Тебя увидеть – горю ль желаньем?
Любви уж нет, но есть печаль.
Живу сейчас воспоминаньем,
И память снова уносит вдаль.

Туда где море, туда, где грозы,
Где изумительный закат!
Не для меня срезают розы,
Там мне уже никто не рад.

В степи посёлочек Целинный,
И ты влюблённый молодой,
Застенчивый, такой невинный.
Года прошли, ты уж седой.

Но небо делим мы с тобою
И греет солнце нас одно,
Не зря мы жили той мечтою:
Нам было встретиться дано.

Зелёный город Кобулетти
Дождями летними умыт,
Ветви ив висят как плети.
Мой след в песке давно уж смыт.

Другими стали, изменились.
Как было это всё давно,
Я помню звуки доносились
В ночи, в открытое окно.

Лягушки нам концерт давали,
Усердно, дружно квакали.
При расставаньи мы молчали,
А может молча плакали?..

Меня судьба не наказала
Тем, что дороги развела,
Я на ромашке не гадала,
Тебя ли вовсе я ждала?

Слезу случайную смахну,
Не дам ей по щеке скатиться,
Невольно горестно вздохну,
Если ночью мне не спится.

Когда-нибудь до зорьки встану,
Пойду искать от счастья ключ.
За всё былое благодарить я стану:
Ты был надежды светлый луч.


Вихрем промчались беспечные годы

Von Rosa Kremer

Вихрем промчались беспечные годы,
Звонкий наш смех, чепуху, что мели.
Словно случайно вешние воды
Радость и боль .- все в кучу смели

Первые слезы, влюбленность, сюрпризы,
Чувства, что нам и не снились во сне.
Сладки наивной дочурки капризы
Дарят мгновенья, что капель по весне.

Настала пора самому разобраться,
Порой так охота всё с начала начать.
Стыдно нам будет в ошибках признаться
Всё не так просто. Кто мог это знать ?

Кому-то судьба заготовит удачи,
Кого-то накажет, кого наградит.
Не каждый способен решить все задачи.
И я не смогла все задачи решить.


Es ist ein Glück, verstanden zu werden            Von Julia Weber

 Eine wahre Geschichte aus dem Leben meiner älteren Schwester Rosa


Überwältigend ist die Geschichte meiner Vorfahren.

"Kinder, wir sind Schwaben. Unsere Vorfahren kommen aus einem Land, das Deutschland heißt", sagt oft unsere Großmutter in dem kleinen Dorf in Kasachstan.

Als Kind konnte ich mir darunter nichts vorstellen. In Russland gab es zu meiner Kinder- und Jugendzeit keine Bücher darüber.
In der heutigen Zeit ist es anders.

Überwältigend ist die Geschichte meiner Vorfahren.

Viele Fragen stehen noch offen. Wie konnten meine Urgroßeltern die deutsche Sprache in Russland erhalten, an ihre Kinder und somit an uns weiter geben? Wie konnten wir, obwohl zeitweise verboten, die Sprache beibehalten?

Immer öfter stellte ich mir Fragen: „Woher komme ich?“.  „Wo sind meine Wurzeln?“

Aus meiner Sicht - Sicht einer Deutschen aus Russland, deren Vorfahren aus Deutschland kommen,  - wird ein Teil der deutschen Geschichte, der mit Russland verbunden ist, näher dargestellt. Das Leben der aus Deutschland in Russland eingewanderten Deutschen wird ebenfalls kurz geschildert.

 

Wie kamen die Deutschen nach Russland?

Aus mehreren Infoquellen ist bekannt, dass bereits im 10. Jahrhundert Deutsche nach Russland kamen. Es wird berichtet, dass schon im Mittelalter deutsche Fachleute aus verschiedenen Berufen nach Russland geholt wurden. Zu der Zeit Peter des Großen wanderten weitere Deutsche in Russland ein.
Die Anzahl der ausländischen Einwanderer nach Russland, vor allem die der Deutschen steigerte sich während der Regierungszeit der Kaiserin Katharina II.

Die russische Kaiserin Katharina II., die 1729 als  deutsche Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt- Zerbst- Dornburg geboren wurde, war ab dem  9. Juli 1762 Kaiserin von Russland.

Im 18. Jahrhundert litten die Bauern in Deutschland unter Landmangel. Ein Grund für Anfeindungen war weiterhin die Religion.  

In Russland gab es fruchtbare unbenutzte Gebiete. Die russische Kaiserin Katharina II. holte ihre Landsleute mit einem Aufruf-Erlass nach Russland. Sie versprach ihren Landsleuten unter anderem steuerfreies Land, freie Religionsausübung, deutsche Verwaltung - und das Recht - jederzeit Russland verlassen und ins Heimatland zurückkehren zu können.

Das bedeutendste Einladungsmanifest der Zarin Katharina II. ist vom 22. Juli 1763, dass sie vor 250 Jahren erließ.

Der Landmangel, Anfeindungen durch unterschiedliche Religionen und politische Gründe trieben die Menschen an, nach Russland auszuwandern. Schweren Herzens nahmen sie von ihrem Heimatland Abschied.

„Ade, mein liebes Heimatland. Ob wir je zurückkommen?“ - traurige Gedanken plagten die Auswanderer. Sie wussten nicht, was sie in Russland erwartete.

Die Deutschen erlebten die russische Kälte, das Leben der Familie mit Kindern in einem Loch, Ungeziefer und Hungersnot.

Sie verstanden die russische Sprache nicht. Sie wurden von den Russen -"Nemez" - "Stummer" genannt. Ursprünglich wurden alle Fremdsprachigen, die sich mit Russen nicht verständigen konnten, so genannt. Einer anderen Theorie zufolge könnte das Wort Nemez von dem germanischen Stamm der Nemeter am  Rhein stammen.

Durch Fleiß erwarben die Deutschen ein besseres Leben in Russland. Dadurch erlebten sie Neid und Missgunst der Russen. Bald folgte die Schließung der deutschen Kirchen, das Verbot der deutschen Sprache...
Ein russisches Sprichwort besagt: „До бога высоко, до царя далеко“. Ins Deutsche übersetzt heißt es etwa: „Gott ist hoch, der Zar weit“. Die Fürsten, die Untergebenen der Zarin beachteten die Gesetze in ihren Ländereien nicht und handelten willkürlich.

 

Das gemeinsam Erlebte in einer bestimmten Zeit prägt und verbindet.

Ein deutsches Mädchen aus einem deutschen Dorf in Kasachstan, das ihre deutsche, russische und kasachische Welt erlebt, erlebt eine andere, die

deutsche Welt in Deutschland als erwachsene Frau.

Deutsche aus Russland, deren Vorfahren aus Deutschland kommen, leben in Deutschland, auch am Niederrhein.

Das gemeinsam Erlebte in einer bestimmten Zeit prägt und verbindet.

Menschen am Niederrhein sind so unterschiedlich, wie in jedem anderen Land. Sie wachsen zusammen auf, sehen die gleichen Filme, lesen dieselben Bücher in dieser Zeit, gehen zusammen in die Schule. Das kulturelle Umfeld und die gleiche Sprache verbinden. 

Was verbindet diese aus Russland eingereisten Deutschen mit den Niederrheinern? Sie leben jetzt am Niederrhein.

Wer waren diese Leute vorher?
Es waren Deutsche in Kasachstan - keine Kasachen. 
Es waren Deutsche in der Ukraine - keine Ukrainer.
Es waren Deutsche an der Wolga - keine Russen, sondern Wolgadeutsche.

Wolgadeutsche werden die Deutschen aus Russland oft deswegen genannt, weil es 1918 eine Gebietsautonomie der Wolgadeutschen gab. 1924 wurde daraus eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet.

Wie auch anderen Völker Russlands, erlebten die Deutschen die Geschichte Russlands hautnah: die Russische Revolution, die Entstehung und Gründung der Sowjetunion.

 

Kollektivierung

1928-1929 kam die Zeit der Kollektivierung und der Entkulakisierung.
Eine Kollektivierung ist eine zwangsweise Zusammenfassung des landwirtschaftlichen Inventars. Das Vieh kam in gemeinsame Stallungen. Die Felder und Weiden, alle  Bauernhöfe und Güter wurden zu landwirtschaftlichen Kollektivbetrieben – Kolchosen- zusammengeschlossen.
Wie ungerecht behandelt fühlten sich die Deutschen, die das Leben in einem fremden Land aufgebaut und durch ihren Fleiß erwirtschaftet hatten und jetzt abgeben mussten!
 

Entkulakisierung

Die Kollektivierung kam zusammen mit der Entkulakisierung. „Kulak“ ist ein russisches Wort und bedeutet in der Übersetzung ins Deutsche „Faust“, das ein Zusammenhalt zwischen den Menschen bedeutete. Als Kulaken wurden alle wohlhabenden Menschen genannt, die aus Sicht der Regierung die Armen für sich arbeiten ließen. Die Deutschen hatten durch Fleiß und Sparsamkeit den Wohlstand erreicht und wurden von Bolschewiken als Staatsfeinde vernichtet. Im Zuge der Kollektivierung und Entkulakisierung wurden die Kulaken enteignet, verschleppt und getötet.

Die Deutschen hatten Verwandte im Ausland. Ihr Wohlstand und höheres Bildungsniveau wurden ihnen ebenfalls zum Verhängnis.
Während der nächsten Welle in den Jahren 1937-1938 wurden viele Deutsche als Spione bei den Massenverhaftungen deportiert und verschwanden spurlos. Ihre Familien erhielten nie mehr eine Nachricht von ihnen.

 

1941 erklärte Hitler den Russen den Krieg.

Die grausame Verhaltensweise der russischen Machthaber durchzog die gesamte Bevölkerungsstruktur.

1941 erklärte Hitler den Russen den Krieg. Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, die 1924 gegründet wurde, wurde aufgelöst.


Arbeitsarmee

Alle Deutschen mussten in 24 Stunden als Feinde der Sowjetunion ihren Heimatort verlassen. Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 55 Jahren kamen in die Arbeitslager nach Sibirien, Kasachstan und Mittelasien. Ihre Kinder und die älteren Verwandten mussten sie zurücklassen.

Frauen mit Kleinkindern unter 3 Jahren wurden von der Einberufung in die Arbeitsarmee verschont.  Männer, wie Frauen wurden als Staatsfeinde und Vaterlandsverräter behandelt. Unter diesen unmenschlichen Verhältnissen starben viele.

"Fritz", "Feind" und "Faschist" hörten die Deutschen oft. Diese Worte hören die Deutschen in Russland immer noch.

Kommandantur

Nach der Einführung einer Sonderverwaltung mussten sich die  Deutschen in den Jahren 1941 bis 1956  einmal im Monat bei der Kommandantur melden. Ihren Wohnort durften sie nicht verlassen.

Rosa, meine älteste Schwester kann sich noch daran erinnern, dass unsere Großeltern, die weiter als 3 Kilometer entfernt wohnten, trotz tödlicher Gefahr die Familie ihrer Tochter nachts kurz besuchten. Keiner durfte je darüber sprechen, auch die Kinder nicht. Es war lebensgefährlich für die ganze Familie und für diejenigen, die es wussten.

Die grausame Verhaltensweise der russischen Machthaber durchzog die gesamte Bevölkerungsstruktur.

- 1945 war der Krieg zu Ende. Die Russen haben den Krieg gewonnen. -

- 1945 wurde meine Schwester Rosa in einem deutschen Dorf in Kasachstan geboren.

 

Kasachstan

Kasachstan liegt zwischen der unteren Wolga, Aralsee, Tienschan und Altai. Kasachen sind ein türkisch sprechendes Volk. Früher zogen sie mit ihren großen Schaf-, Pferde- und Kamelherden durch die weiten Wüsten und Steppen. Jetzt sind sie sesshaft.

Kasachstan war und ist das Land der Kasachen, wo die Deutschen nicht zu Hause waren. Deshalb war es nichts Außergewöhnliches, als die Kasachen 1979 gegen eine Gründung einer Deutschen Autonomie auf dem kasachischen Territorium protestierten.

Im 19. Jahrhundert wurden die Kasachen von den Russen verdrängt. Kasachstan wurde sowjetisch. 60 % der Einwohner waren Kasachen, auch Russen, Ukrainer, Usbeken wurden bei der Volkszählung genannt. Dass 2 Millionen Deutsche in Kasachstan lebten, wurde totgeschwiegen. In den Ergebnissen der  Volkszählung waren die Deutschen nicht aufgezählt. Es gab eine Bemerkung "die anderen". Die Deutschen in Russland wussten, dass unter „die anderen“ sie gemeint sind.

Am 16. Dezember 1991 erklärte sich Kasachstan als unabhängig.

Neben kasachischen Städten und Dörfern gab es russische, ukrainische und auch gemischte Dörfer und Städte. Es gab viele deutsche Dörfer.


Rosa

In so einem deutschen Dorf Nowodolinka (Neues Tal, früher Kolchos im. Thälmann) lebte unsere Familie.

Überall - zu Hause, auf der Strasse, in der Schule, im Geschäft - wurde Deutsch gesprochen. Selbst die wenigen nichtdeutschen Familien - Kasachen und Russen - sprachen wie wir - Deutsch. Die Worte unserer Großmutter, dass wir Schwaben sind und unsere Vorfahren aus Deutschland kommen, wurden uns erst bewusst, als wir nach Deutschland umsiedelten.

Rosa ist das dritte Kind von 10 Kindern. Zwei davon sterben als Kleinkinder. Ein Bruder, 24 Jahre alt, findet den Weg nach Hause aus einem Schneesturm nicht. Im Winter 1982 gibt es einen der in Kasachstan üblichen schrecklichen Schneestürme.

Mit zwei jüngeren Schwestern, Hermine und mir, teilt Rosa ein kleines Zimmer und ein Bett, in dem ein Erwachsener Platz hätte. Mit 7 Jahren geht sie in die    1. Klasse. Sie spricht, wie alle im Dorf, nur Deutsch.

Mit 10 Jahren bekommt Rosa ein Geschenk: einen kleinen braunen Koffer. Unsere Mutter sagt zu ihr: "Der Koffer gehört dir. Du kannst reinlegen, was du möchtest". Wir Schwestern dürfen da nicht dran. Anfangs prüft Rosa mehrmals am Tag, ob ihre Sachen noch da sind. Ihre Sonntagskleidung: ein schwarzes Röckchen und eine weiße Bluse mit grünen Tupfen sind ihr ganzer Stolz. Dieser Koffer ist für sie wichtiger, als zurzeit für ein Kind das Kinderzimmer mit der gesamten Ausstattung. Auch Spielzeug haben wir: zwei verzahnte Gabeln sind unsere Waage, wenn wir "kaufe etwas" spielen. Verschiedene Steine oder farbige Glasscherben gibt es bei uns zu kaufen.

Mit 14 Jahren ist Rosas Kindheit zu Ende. Der älteste Bruder leidet an einer chronischen Krankheit. Er kann nicht arbeiten. Unser Vater befindet sich nach einem schweren Unfall überwiegend im Krankenhaus. Jemand muss nun arbeiten.

Rosa ist die Älteste von uns. Sie kann in der Kolchose arbeiten. Es gibt Landwirtschaft und Viehzucht. Ein Betrieb ist auf Kälbermast spezialisiert. Dieser Betrieb ist einige Kilometer vom Dorf entfernt. Die Arbeit ist auch für einen Erwachsenen schwer. Rosa tritt diese Stelle an, sie ist 14 Jahre alt.

Im Winter bei Schneesturm ist es am schlimmsten. Starker, eisiger Wind mit viel Schnee erschwerte das Atmen. Der Mund und die Nase müssen mit einem Schal bedeckt sein. Die eigene ausgestreckte Hand kann man nicht sehen.

 

Rosa fährt in eine große Stadt

Nach 2 Jahren wird Rosa als gute Arbeiterin mit einer 5-tägigen Fahrt in eine große Stadt belohnt. Es soll eine Veranstaltung in einem großen Kulturpalast geben. Viele junge Arbeiter aus dem Gebiet Zelinograd (heute Astana,  Hauptstadt Kasachstans), sollen dort zusammenkommen. Ihre Freude ist riesig. Aber sie hat auch Angst. Sie packt ihre besten Sachen in ihren braunen Koffer. Das erste Mal verlässt sie ihr Heimatdorf. Unsere Mutter gibt ihr selbstgebackenes Brot, selbst gemachte Bratwurst und Würfelzucker mit auf den Weg. 

Es ist Winter. Morgens fängt es an, stark zu schneien. Unsere Mutter sagt zu Rosa: "Du fährst nicht, es ist zu gefährlich". Aber der Reiseleiter nimmt sie trotz des schlechten Wetters mit. Unser Dorf ist 25 Kilometer von dem Ort entfernt, wo sich der Bahnhof befindet. Sie fahren mit einem Wagen des Direktors zum Bahnhof. Der Weg schneit  zu. Zwei Männer schaufeln abwechselnd die Fahrbahn vom Schnee frei oder schieben das Auto. Die Fahrt für diese 25 Kilometer dauert 5 Stunden. Den  Mittagszug können sie nicht mehr erreichen. Da der nächste Zug abends geht, bringt man Rosa ins Kontor.

Dort ist es wärmer, als auf dem Bahnhof. Es ist ein glücklicher Zufall, dass in diesem Kontor unsere Tante arbeitet, die wusste, dass ihr Kollege, ein Buchhalter mit anderen Kollegen abends auch zum Bahnhof muss. Dieser Mann nimmt Rosa zu sich nach Hause mit. Nach dem Abendessen machen sie sich alle gemeinsam auf den Weg zum Bahnhof, weil es lebensgefährlich ist, alleine in der Winterzeit so einen Weg anzutreten. Als sie losgehen, ist es schon dunkel. Es schneit. Plötzlich fällt der Strom aus. Es ist stockdunkel. Nach einer Weile merkt die Gruppe, dass sie in die falsche Richtung geht. Sie stehen vor einem Pfosten, wo ein Wetterzeiger angebracht ist. Den Weg zum Bahnhof zeigt er jedoch nicht. Nach einem aufgeregten Gespräch sind sich die Männer einig, in welche Richtung sie laufen müssen. Dieses Gespräch kann Rosa nicht richtig wahrnehmen. Sie ist erschöpft. Sie wünscht sich an einen warmen Ort. Sie friert so sehr, dass sie nicht merkt, wie ihr der Koffer aus der Hand gleitet. Es ist unwahrscheinlich anstrengend darauf zu achten, dass sie zwischen den Männern bleibt. Sie verlässt sich vollkommen auf diese Leute. Zum Glück geht das Licht an. Als die Gruppe das erste Haus im Ort erreicht, klopft einer der Männer an der Tür und fragt danach, wo die Gruppe sich gerade befindet.

So gehen sie weiter und erreichen den Bahnhof! Alle sind durchnässt und mit einer Eisschicht bedeckt. Der Reiseleiter ist überglücklich, als er Rosa mit der Gruppe hereinkommen sieht.

Rosa spürt ihr Gesicht, ihre Hände und ihre Waden nicht. Im Bahnhof versuchen alle Leute näher an den eisernen Ofen zu kommen. Auch Rosa darf sich dort aufwärmen.

Der Zug kommt. Rosa geht es besser, als im Schneesturm. Ihre Waden schmerzen jedoch so sehr, dass sie an nichts anderes denken kann. Ihre Kleidung, die Strümpfe sind immer noch nass.

Sie hat starke Schmerzen, aber zeigt niemandem, was sie spürt. Was hätte es schon gebracht? Trockene Sachen gibt es nicht, einen Arzt auch nicht. Nicht auffallen wollen, die anderen nicht stören wollen. Sich in Geduld üben. Dies alles hält sie davon ab zu sagen: "Ich habe Schmerzen". Es geht irgendwann vorbei. Sich in Geduld üben hat Rosa schon als Kind lernen müssen. Auch hier fragte keiner, wie es ihr geht. Aber ihren Koffer hat jemand im Schneesturm damals auf dem Weg zum Bahnhof aufgehoben und ihr am Bahnhof übergeben.

Als sie in Zelinograd ankamen, fuhren sie in einem für sie bestimmten Bus nicht ins Hotel, sondern in eine Aula. Dort begann die Begrüßung in einer feierlichen Atmosphäre. Alle sangen und tanzten. Auch Rosa hatte gesungen, obwohl sie von  unerträglichen Schmerzen geplagt war. Um 4.00 Uhr nachts! hat man sie ins Hotel gebracht. Es war herrlich warm! Endlich konnte Rosa ihre schmerzenden feuerroten Waden anschauen. Heiße Tränen liefen über ihr Gesicht. Schlafen konnte sie vor Schmerzen nicht.

Mit ihr auf einem mit einer Wand getrennten Zimmer war ein Mädchen namens Raissa. Rosa erzählte ihr von ihrem Weg zum Bahnhof. Als Raissa erfuhr, dass Rosa erst 16 Jahre alt und somit die jüngste in der Gruppe ist und noch nie in einem größeren Ort war, hat sie sich zur Aufgabe gemacht, auf Rosa aufzupassen. Sie kannte sich gut in der Stadt aus. Ganz früh morgens holte Raissa für Rosa in der Apotheke eine Salbe.
Am nächsten Tag wurden die jungen Menschen im Kulturpalast der Stadt für ihre gute Arbeit gelobt. Es waren sehr interessante, aufregende Tage in dieser großen Stadt!

Das nächste Abenteuer von Rosa passierte während des Stadtfestes. Zu Ehren der jungen Arbeiter wurde ein Stadtfest veranstaltet. Alle jungen Menschen wurden für ihre gute Arbeit geehrt. Es war eine Unmenge von Menschen. Raissa hielt Rosa fest an der Hand. Sie wollte Rosa nicht verlieren. Die Leute drängten sich jedoch nach vorn und rissen die beiden auseinander.

Können Sie sich dieses Bild und die Gefühle eines 16jährigen Mädchens vorstellen? Ein kleines Dorf, vertraute Umgebung, Elternhaus, ihre Muttersprache ... und jetzt… Das  Gewimmel von Menschen, dieses Jubeln und Schreien in einer Sprache, die Rosa zwar verstand, aber nicht gewohnt war, machte ihr schreckliche Angst. Sie konnte es sich nicht vorstellen, Raissa je wieder in dieser Menschenmenge zu finden.

Allmählich gingen die Leute auseinander. Es wurde ruhiger. Es wurde dunkler. Rosa überlegte, wie soll sie wohl zurück ins Hotel kommen. Auf einmal sah sie zwei junge Männer, die auch zu ihrer Gruppe gehörten. Rosa ließ sie nicht mehr aus den Augen in der Hoffnung, dass sie ins Hotel gingen. Was auch zum Glück geschah. Todmüde schlief Rosa sofort ein. Es war schon spät, als sie durch Raissas Stimme und ihr Weinen aufwachte.

Raissa weinte, weil sie ihrer sich selbst gestellten Aufgabe -Rosa zu beschützen- nicht nachkam. Sie war sicher, dass Rosa nie den Weg ins Hotel finden würde. Rosa meldete sich. Wie glücklich Raissa war, als sie Rosa sah. Jetzt weinte sie vor Freude. Es war schön miteinander zu reden! Wiederholt erzählten sie von ihren Abenteuern. Da Rosa und Raissa in der Menschenmenge einander suchten, haben sie das Abendessen verpasst. Beide  hatten nach dem Mittagessen nichts mehr gegessen. Rosa traute sich aber nicht, ihr einfaches Essen vom Land Raissa anzubieten. In ihrem Kopf drehte sich jedoch alles um das Brot, die Wurst und den Zucker von zu Hause.

Das Essen wurde erst aus dem Koffer herausgeholt, nachdem Raissa bekundete, dass sie Hunger hat. Die Nachricht, dass Rosa zurückgefunden hat, verbreitete sich schnell. Mehrere junge Menschen stürmten ins Zimmer zu Rosa und Raissa. Alle sprachen durcheinander, lachten, aßen Brot, Wurst und tranken gesüßten Tee!

Nun das letzte Abenteuer während dieser Reise. Am Tag der Abreise fuhr die Gruppe zum Bahnhof. Sie wartete auf ihren Zug. Wieder eine Menschenmenge! Aber Raissa war ja in der Nähe! Auf einmal setzte sich zu Raissa ein junger Leutnant. Nach einer kurzen Unterhaltung entfernten sich die beiden: ein Gespräch mit Flirten und Zeigen von Gefühlen war öffentlich nicht angebracht. Rosa wartete brav bis Raissa kam, denn sie hat ja keine „Instruktionen“ Rosa erteilt. Der Zug näherte sich. Rosa ging unruhig hin und her. Fast alle stiegen ein. Verzweifelt schaute sich Rosa nach Raissa um. Sie wollte einsteigen. Die Angst, dass der Zug woanders hinfahren könnte, war groß. Sie stieg nicht ein. Geld hatte sie keins. Die Fahrkarte war bei Raissa. Sie ging zum Waggon. Ohne Fahrkarte hat der Schaffner Rosa nicht einsteigen lassen. Rosa heulte laut los.

Nach den vielen aufregenden Tagen konnte sie endlich nach Hause fahren und jetzt ... Plötzlich hörte sie laut im Chor: "Rosa! Rosa!" "Hier bin ich!" schrie Rosa. In letzter Sekunde wurde sie von den jungen Leuten in den Waggon gezerrt.
 

Der Zug ging nach Hause.

Nachts um 3.00 Uhr kommt Rosa an dem kleinen Bahnhof in der Steppe an. Es schneit nicht mehr. Rosa geht durch das schlafende Dorf zu ihrer Großmutter, die schon auf sie wartet. Am nächsten Tag bringt ihr Onkel sie nach Hause.


1992 kam Rosa nach Deutschland ins Land ihrer Vorfahren.

Es gibt am Niederrhein Menschen, die nicht niederrheinisch sprechen. Neben anderen Einwanderern ist es  eine Volksgruppe, deren Vorfahren aus Deutschland nach Russland umsiedelten. Jahrhunderte später kehrten deren Nachkommen nach Deutschland zurück. Sie sprechen jetzt russisch, schwäbisch, pfälzisch und hochdeutsch, meistens mit Akzent, wie, übrigens, Menschen aus Hessen, Bayern und anderen Bundesländern.
Die „zurückgekehrten“ Deutschen leben am Niederrhein, arbeiten mit Niederrheinern und anderen Ausländern in Firmen, treffen aufeinander in Geschäften, sind Nachbarn…

Warum erzählte Rosa mir das alles?

Sie lebt jetzt am Niederrhein.

Nach diesen fünf Tagen ihrer Reise war alles vorbei. Die Unsicherheit, der Lärm, die Menschenmenge, die große fremde Stadt, die Anspannung - alles war vorbei. Sie war wieder zu Hause, bei ihrer Familie. Damals war sie 16 Jahre alt.

1992 kam sie nach Deutschland ins Land ihrer Vorfahren. Ins Land, von dem sie von ihren Großeltern gehört hatte.

Sie war 47 Jahre alt - eine reife Frau. Es vergingen einige Jahre bis sich Rosa frei äußern konnte, bis sie die Angst vor dem Fremden und den Fremden loswerden konnte. Einige Fremde sind ihre Freunde geworden.

Die Angst, die sie jetzt in Deutschland manchmal verspürt, ist jedoch größer als die, die sie damals im Schneesturm in Kasachstan erlebte. Der lange Weg im eisigen Schneesturm, die angespannte Suche, der Wegweiser ohne Hinweisschild auf dem Weg in die große fremde Stadt kostete Rosa fast übermenschliche Kräfte.

Dagegen war ihr Weg nach Deutschland zeitlich kurz, ihre Seele war sicherlich länger auf dem Weg.

Fast 6000 Kilometer waren es zum Ziel - Deutschland.

Mit einem Bus fuhr sie von ihrem Dorf nach Zelinograd.

Ein Flugzeug brachte Rosa von Zelinograd nach Moskau.

Von Moskau bis Deutschland war der Flug für sie nicht beschwerlich, ja sogar angenehm. Im Flugzeug war es warm, und man wurde gut behandelt.

Nach etwa 3 Stunden Flug kam Rosa im fremden Land in der fremden Stadt Hannover in einem Grenzdurchgangslager an. Sie sah, dass alles anders war: bunt, sauber, geordnet. Es waren auch viele Schilder angebracht, die für Rosa noch keine Bedeutung hatten.

Das Gefühl in Deutschland allein und verzweifelt zu sein ist nicht zu vergleichen mit der Angst damals auf dem Stadtplatz, wo sie verloren alleine stand. Und dieser Zug, mit dem sie damals zurück in ihr Heimatdorf fuhr, ist längst abgefahren. Er kommt nicht mehr wieder.

Will Rosa zurück in ihr deutsches Dorf in Kasachstan? Nein! Sie möchte hier im Land ihrer Vorfahren leben, aber sich nicht rechtfertigen müssen, dass sie hier jetzt lebt. Sie möchte dazu gehören.

Ist das zu viel verlangt?

Sie, das kleine Mädchen aus Kasachstan. Das Mädchen, das in seinem Bewusstsein erzogen worden ist, eine Deutsche zu sein. Sie möchte hier im Land der Vorfahren zu ihrem Deutschsein stehen. Sie war in Russland eine Deutsche, keine Russin. Sie ist auch jetzt eine Deutsche, eine Deutsche aus Russland.

Aus einem Land mit einer bewegten Geschichte, mit vielen berühmten Persönlichkeiten, mit ihren schönen Liedern. Das alles hat Rosa geprägt.

Wo ist ihre Heimat?

Sie spricht deutsch, russisch und vor allem unsere Muttersprache. Die Sprache (unser Dialekt), die wir von Kindheit auf zu Hause- gesprochen haben.
Es wird mir warm ums Herz, wenn ich meine Muttersprache höre und spreche!

Wem ginge  es nicht ebenso…

Es ist wichtig, dass für die Deutschen, die in Deutschland geboren sind, dieser Teil der deutschen Geschichte, der mit Russland verbunden ist, näher bekannt wird.

Es ist wichtig, dass die Geschichten unserer Familien bekannt und nicht vergessen werden.

Unsere Mutter, eine Kulakentochter ist mit 55 Jahren gestorben.

Unser Vater träumte davon eines Tages in Deutschland zu leben, aber der Traum ging nicht in Erfüllung, denn er starb mit 75 Jahren in unserem Heimatdorf.


Trotz ihres schweren Lebens sangen unsere Eltern zweistimmig wunderschöne Lieder, begleitet von Vaters Ziehharmonika.
Und wenn wir zusammen kommen, singen wir auch gerne, zweistimmig.

Wir - ihre Kinder, Enkel und Urenkel arbeiten, machen eine Ausbildung, studieren, gehen zur Schule und zum Kindergarten. Ganz normal. Wie alle, die hier geboren sind.

Wir lieben Kleve, unsere kleine gemütliche grüne Stadt am Niederrhein.

Wir gehören dazu! Uns ist es wichtig, verstanden zu werden.
   

Es ist ein Glück, von anderen verstanden zu werden.  

Es ist ein Glück, andere zu verstehen.  

Es ist ein Glück, Verständnis zu leben und zu erleben!